Chapter 1 – Zurück nach Kendris

„Und wie geht es weiter?“, fragte die kleine, süße Blondine in Loraines Armen.
Loraine drückte sie leicht und atmete tief durch. „Das hat sich noch nicht entschieden.“, erklärte sie leise und gedankenverloren.
Simone zappelte herum und drehte sich zu Loraine. Ihre blonden Engelslocken wippten dabei auf und ab. „Aber du musst das doch wissen, Tante Rainy!“
Loraine, die von der Kleinen immer Tante Rainy genannt wurde, war eigentlich gar nicht ihre Tante. Sie war nur die beste Freundin ihrer Mutter. „Juliet muss zurück nach Kendris. Sie hat sich schon die letzten zwei Jahre irgendwie davor gedrückt, weil sie ihren Eltern erzählt hat, dass sie an Ferienprogrammen teilnehmen wollte. Doch eigentlich hat sie viel lieber Zeit mit ihrer besten Freundin verbracht, Partys gefeiert und versucht, Kendris eine Weile zu vergessen. Jetzt muss sie zurück. Sie ist fertig mit der High School, 18 und könnte theoretisch selbst über ihr Leben entscheiden. Sie weiß nur noch nicht, was sie will.“
Simone klammerte sich an Lora und sah sie traurig an. Ihre Augen glitzerten sogar ein wenig feucht. „Ich werde dich vermissen, Tante Rainy. Deine Geschichten sind immer viel besser als Mommys.“
Ein Seufzen aus Richtung der Zimmertür ließ beide aufschauen. „Das wirst du mir noch den ganzen Sommer vorhalten, oder Süße?“, fragte Katie ihre Tochter mit einem Lächeln. Katie hatte Simone schon mit 16 bekommen. Es war nicht einfach für sie gewesen, doch da sie schon damals mit Loraine befreundet gewesen war, hatten die beiden all die Jahre zusammengehalten, als wären sie wirklich Schwestern. Mehr oder weniger hatten sie die Kleine sogar gemeinsam aufgezogen.
„Tut mir leid, Mommy.“, meinte Simone traurig und ließ Lora nicht los.
Katie krabbelte zu den beiden auf das Bett und umarmte sie beide. „Schon okay. Ich werde sie ja auch vermissen.“ Sie gab ihrer Tochter einen liebevollen Kuss auf die Haare und lächelte Lora traurig an. „Wie soll ich nur den ganzen Sommer ohne dich aushalten, Lora?“, fragte sie ihre beste Freundin traurig. „Du warst all die Jahre da und jetzt bin ich…“
Loraine, die Abschiede sowieso hasste, merkte, wie ihr immer schwerer ums Herz wurde. „Ich weiß.“, flüsterte sie fast. „Aber du schaffst das. Und ich werde zurückkommen, das verspreche ich dir.“
Katherine sah Simone in ihre wunderschönen blauen Augen, in denen sich tatsächlich Tränen bildeten. „Ich habe mehrere Angebote für Stipendien.“, erklärte sie ernst. „Ich könnte mit Simone von hier weg, aber ich weiß nicht, ob ich das kann. Ich meine, in eine vollkommen fremde Stadt, allein mit meiner dreijährigen Tochter – was soll ich mit ihr machen, wenn ich Vorlesungen habe? Meine Tante kann nicht ewig auf sie aufpassen.“
Das Gefühl, ihre beste Freundin im Stich zu lassen, wurde für Loraine immer intensiver. Sie konnte diese Konflikte bei ihrer Freundin kaum mit ansehen. Sie gab Katie einen Gute-Nacht-Kuss auf ihre Stirn und zog ihre Freundin mit in deren kleines Wohnzimmer. Aus ihrer Tasche holte sie den Briefumschlag, den sie schon den ganzen Tag mit sich herumschleppte und reichte ihn ihrer besten Freundin, die ihn verwirrt öffnete und sie geschockt anstarrte.
„Was? Nein, Rainy, das kann ich nicht annehmen!“, meinte sie und gab ihr den Umschlag zurück.
Loraine sah sie traurig an und hielt den Umschlag in der Hand ihrer Freundin fest. „Katie, bitte, nimm das Geld. Ich werde dich sowieso jeden einzelnen Tag in diesem Sommer vermissen, aber darum geht es nicht. Nimm eines der Stipendien an, such dir von dem Geld eine Wohnung und zieh mit Simone da ein. Wenn du das nicht schaffen kannst, dann weiß ich nicht, wer sonst.“
„Aber was ist mit dir? Simone würde nie wieder ein Wort mit mir reden, wenn sie dich nicht mehr sehen könnte.“
Lora fing an zu lächeln und legte den Kopf schief. „Ich werde einfach nachkommen. Ich hab mich bei jeder guten Uni in den USA beworben und ziemlich viele Zusagen bekommen. Du weißt doch, wie vernarrt ich in deine Kleine bin und wie sehr ich es liebe, Babysitter zu sein. Nimm das Geld und achte nicht darauf. Ich habe wirklich genug davon und bin froh, wenn es jemand ausgibt, der daraus wirklich etwas machen kann.“
Nun vergoss ihre Freundin die ersten Tränen und nahm sie in den Arm. „Du wirst wirklich gehen, oder?“
Rainy schloss die Augen und wollte ihre Freundin am liebsten nicht mehr loslassen. „Ja, ich kann nicht anders. Hätte ich eine Wahl, würde ich hier bleiben…“ Sie runzelte die Stirn und ließ sich auf die Couch fallen. Glücklicherweise hatte Katie aufgehört, sich wegen des Geldes zu sträuben. „Ich habe versprochen, wieder dort hinzufahren. Maddie war sogar extra deswegen mit mir einkaufen…“
Katie sah sie skeptisch an. „Wieso? War nichts Passendes in deinem Kleiderschrank?“ Wahrscheinlich wollte sie darauf hinaus, dass es kaum möglich war, dass Loraine in ihrem riesigen Kleiderschrank für irgendeine Gelegenheit nichts zum Anziehen haben könnte.
Loraine verzog das Gesicht. „Nein, glaub mir – so etwas würde man hier nur in den Studios oder an Halloween anziehen.“ Ihr Handy klingelte und sie ahnte schon, wer es war. Sie griff in ihre Tasche und holte es heraus: Maddie. „Was gibt’s?“, fragte sie in den Hörer.
„Loraine, denkst du dran? In einer Stunde musst du fertig sein. Dann kommt der Fahrer bei Katherine vorbei.“, erklärte Maddie.
Lora stand verwirrt auf. „Fahrer?“, fragte sie verwirrt. „Wieso denn ein Fahrer?“
„Er bringt dich zum Treffpunkt, Loraine. Also zieh dich bitte schon einmal um.“
„Okay.“, meinte sie leise. „Bis nachher.“ Sie legte auf und senkte den Blick. „Ich muss mich umziehen. Ich werde in einer Stunde abgeholt…“ Sie nahm die Tüte, die neben dem Tisch stand und verschwand im Badezimmer, wo sie sich das Haarspray herauskämmte und sich neu und etwas dezenter schminkte. Dann zog sie ihre neuen Klamotten an. Zwanzig Minuten später sah sie in den Spiegel und kam sich vor, wie eine vollkommen andere Person. Ihre dunklen Haare waren nicht mehr zusammengebunden und so hingen ihre Locken an ihren Schultern hinunter. Ihre blasse Haut war vollkommen natürlich geschminkt und sie hatte sogar ihren geliebten Eyeliner weggelassen. In der Tüte waren ihre Lederjacke, ihr Top, ihre Jeans und ihre Stilettos. Nun trug sie ein dunkelgrünes Leinenkleid, wie man es sonst viel öfter in irgendwelchen alten Filmen sah. An ihren Füßen konnte man Stiefel erkennen, die für den Sommer eigentlich viel zu warm waren.
Sie verließ das Badezimmer und ging zurück zu Katie, die sie verwirrt und überrascht ansah, sobald sie sie entdeckte. „Sag mal, wo wohnen deine Verwandten noch mal?“, wollte sie wissen.
Lora versuchte auf irgendeine Weise zu lächeln, bekam aber nur eine niedergeschlagene Version davon zustande. „Diesen Ort kennst du bestimmt nicht. Er ist alles andere als bekannt. Und hätte ich da meine normalen Klamotten an, dann würde ich auffallen wie ein Kanarienvogel bei Macy’s.“ Sie wusste genau, dass in ihrer Freundin das gleiche vor sich ging, wie in ihr selbst. Sie würden sich vermissen und sie wollten nicht, dass Loraine wegging. Selbst wenn sie sich nach diesem Sommer wiedersehen würden.
Sie gingen zu Simone, die natürlich noch nicht schlief und legten sich zu ihr ins Bett. Ihre Augen waren groß, geweitet, weil sie Loraine sehr genau musterte. „Du siehst aus wie Juliet.“, meinte sie zu ihrer Tante Rainy.
Die strich ihr traurig über die Haare. „Ich bin aber lieber Loraine.“, erwiderte sie. Sie sah überhaupt nicht glücklich aus und wusste, dass die nächsten drei Monate langsamer vergehen würden, als das ganze restliche Jahr. Es klingelte an der Tür und es kam ihr vor, als würde ihr Henker höchstpersönlich sich ankündigen. Sie nahm, mit Tränen in den Augen, ihre beste Freundin und deren Tochter in die Arme und versuchte, nicht total loszuweinen. „Passt auf euch auf, okay? Ich kann mich nicht oft melden, aber ich werde es versuchen. Und falls irgendetwas sein sollte, falls ihr Schwierigkeiten habt, dann meldet euch und ich bin in nullkommanix bei euch.“
„Lora, du bist tausende von Meilen weg von hier. Wie willst du so schnell bei uns sein?“, warf Katie ein.
Loraine sah sie an. „Versprich es mir einfach, Katie, okay? Und du auch, Prinzessin.“
„Ich verspreche es.“, verkündete Simone feierlich. „Tante Rainy? Erzählst du mir, wie es mit Juliet weitergeht, wenn du wieder da bist?“
Lora lächelte sie traurig an und überlegte gedankenverloren: „Ja, ich denke, bis dahin weiß ich es.“
Katie nahm Simone auf ihren Arm und umarmte mit dem anderen erneut ihre beste Freundin. „Das werden die längsten drei Monate meines Lebens.“, meinte sie traurig. „Ich vermisse dich jetzt schon.“
Wieder klingelte es an der Tür und so wusste Loraine, dass sie es nicht länger aufschieben konnte. Sie nahm ihre Sachen und ging langsam zur Tür. „Ich hab euch beide lieb.“, meinte sie als letztes. „Passt auf euch auf.“ Sie winkte ihnen noch einmal zu und ging dann die engen Treppen des alten Mehrfamilienhauses hinunter zum Ausgang. Vor dem Haus parkte ein schwarzer Mercedes, der sie zu ihrem Treffpunkt bringen sollte. Maddie wartete darin auf sie.
„Versuch bitte, nicht so auszusehen, als würdest du zu deinem Erschießungskommando fahren, Loraine!“, ermahnte sie sie. „Drei Monate. Mehr nicht. Das wirst du ja wohl überleben!“ Sie hielt ihr etwas entgegen. „Hier, nimm die.“
Loraine nahm das Kästchen an und öffnete es. Kontaktlinsen. „Wieso denn das?“
„Du hast die Augen deiner Mutter. Das würde zu sehr auffallen.“
Nun sollte sie also auch noch ihre strahlend blauen Augen vor allen anderen verstecken? Was würde dann noch von ihrer Persönlichkeit übrig bleiben? Wer war sie dann noch ohne ihren Lipgloss, ihrer Lederjacke, ihren Stilettos und ihrer besten Freundin?
Das Auto kam innerhalb von ein paar Minuten wieder zum Stehen und sie stiegen aus. Sie befanden sich mitten auf einem Hubschrauberlandeplatz, von dem aus man die atemberaubende Skyline Los Angeles’ betrachten konnte. Auf Loraines Oberarmen breitete sich eine deutliche Gänsehaut aus. Sie hatte diesen Anblick immer geliebt. All die Lichter in der Dunkelheit, der Pier, das Meer – die Stars und Sternchen, von denen sie wusste, dass sie irgendwo dort in der Stadt waren und ihr glamouröses Hollywoodleben zu genießen. Loraine jedoch wusste, dass sie lange keine Skyline mehr sehen würde – geschweige denn irgendeine Art von Glamour.
Ein paar Typen warteten schon auf Maddie und sie, um sie wegzubringen. Loraine sah sich ein letztes Mal traurig um, prägte sich die letzten Einzelheiten von Los Angeles ein und schloss dann die Augen. Sie wünschte sich, einen Zeitsprung zu machen. Allein durch ihre Wünsche sollten die nächsten drei Monate nun vorbei sein und sie könnte zurück zu Katie und Simone.
Doch natürlich sollte es nicht so einfach sein.
Innerhalb von ein paar Sekunden merkte sie, dass es wärmer wurde und so öffnete sie ihre Augen wieder. Noch nie hatte sie sich an einem Ort so fremd gefühlt, doch nun stand sie dort.
Zurück in Kendris.


Eine Antwort to “Chapter 1 – Zurück nach Kendris”

  1. […] Chapter 1 – Zurück nach Kendris […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

 
%d Bloggern gefällt das: